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Something straight out of a nightmare.
Irma is here.
Szenen-Informationen
Charaktere Eithne Callaghan » Avery Smith
Datum 02.10.2017
Ort Museum Park
Tageszeit früher Abend
life - sweet like cinnamon

24 Jahre

Studentin

911 Posts | 31 Threads

Registriert seit: May 2017


created by Nanna


#1
Something straight out of a nightmare.
2. 10. // früher Abend // Museum Park // Irma is here // Avery & Eithne

Die Idee die breiten Fenstersimse der Schlafzimmer der Geek Factory als Sitzbänke zu nutzen und mit gepolsterten Sitzelementen auszustatten war eine nette Idee gewesen. Schön sahen sie auch aus. Aber bald hatte sich heraus gestellt, dass man sie kaum nutzte. Nicht wenn man ein geräumiges Wohnzimmer hatte in dem normalerweise eh viel mehr los war. Und es mittlerweile die gleichen Einschübe gab. Doch seit der Sturm begonnen hatte war es praktisch als wäre Eithne an genau diese Stelle im Wohnzimmer mit fest genäht.

Sie hatten Warnung gehabt. Genug. Wahrscheinlich wäre es auch sehr viel vernünftiger gewesen schon frühzeitig die Verwandten in Chicago zu besuchen. Eithne hatte Avery praktisch angebettelt mit ihrer Familie mit zu kommen. Irgendwie hätten sie von ihr aus sogar den ganzen Smith Clan dort irgendwo untergebracht. Aber Avery hatte bleiben wollen und irgendwie hatte sie es sogar verstehen können. Er war Rettungssanitäter und egal wie sehr man hoffte die Stadt war auf Irma vorbereitet, er würde doch gebraucht werden. Und so war auch Eithne geblieben. Sie hatte ihren Eltern versprochen, dass sie genug Vorräte hatten (was stimmte), dass das Loft stabil und solide war (stimmte auch, vor alle dünneren Fenster hatten sie Bretter genagelt) und dass sie blieb damit es in der Zeit nicht völlig leer war. Aber wahrscheinlich hatten auch die Callaghans gewusst, dass Eithne es einfach nicht über das Herz gebracht hatte Avery zurück zu lassen. Und dann war er auf Einsatz gefahren. Schon am vorherigen Abend, als der Sturm noch nicht wirklich da gewesen war. Eithne hatte versucht tapfer zu bleiben, hatte nicht geweint beim Abschied, obwohl sie dazu tendierte und ihn nur ein paar Sekunden zu lange umarmt. Dann hatte das Warten begonnen.

Der Wind war gekommen und mit ihm der Regen. Eithne hatte noch letzte Dinge von der Dachterasse in das Wohnzimmer geräumt als sie den Sturm immer mehr spürte, dann hatte sie das Fenster wieder zugenagelt. Die zwei Badewannen waren voller Wasser, genau wie alle Waschbecken. Logisches Denken und Planen hatte Eithne schon immer geholfen Ruhe zu bewahren. Den Strom hatten sie erst vor ein paar Stunden verloren, aber dank Jimmys Ausrüstung hatten sie noch zwei volle Aggregatoren. Eni fühlte sich relativ sicher. Sie würde hier oben nicht absaufen. Sie würde weder verhungern noch von etwas erschlagen werden. Aber andere würden das und Eithne fragte sich wie sie es verantworten konnte zu einem gewissen Zeitpunkt nicht die Pforten dieser Hochburg der Sicherheit für fremde Leute zu öffnen. Es gab in dieser Gegend genug Obdachlose. Aber selbst das kleine rothaarige Vögelchen wusste, dass das gefährlich war. Dass sie im besten Fall ausgeraubt werden konnte und im schlimmsten... naja. Aber trotzdem liess der Gedanke sie nicht los. Was hatte sie auch anderes zu tun als hier in ihrer Decke zu sitzen, mit dem Handy in der Hand und durch das einzige Stückchen Fenster zu starren, welches dank einem morschen Brettes ein wenig Aussicht auf die Straße gab. Erst hatte sie noch versucht zu lesen, sich abzulenken, aber sie hatte mittlerweile einfach nicht mehr die Ruhe.

Es war Stunden her, dass Avery sich gemeldet hatte. Er hatte, mehr für sie als für sich, immer wieder ein paar Worte durchkommen lassen. Gestern und auch heute. Aber auch auf Anrufe reagierte er jetzt nicht mehr und langsam schlug in Eni Panik hoch. Sie wusste doch, dass Einsätze manchmal lange dauerten. Dass es wichtiger war Leben zu retten als die Freundin zu beruhigen.
Dabei wusste sie sogar wo er war. Museum Park. Eine Meile vom Loft.
Die GPS-App zu nutzen hatte Eithne zu Beginn als lächerlich empfunden. Hatte Avery gesagt, dass nur völlig bescheuerte Paare die sich nicht vertrauten sowas nutzten. Aber Ave hatte sie darum gebeten und versprochen, dass sie sie nur in Notfällen öffnen würden. Erst hatte sie gedacht er hätte immer noch Angst, dass Emil sie eines Tages ihm einfach weg nehmen könnte, aber es war noch nicht allzu lange her und der Sturm hatte schon in Aussicht gestanden. Also hatte Eithne sie aktiviert. Und dann nie benutzt, weil sie sich komisch vorkam. Als würde sie ihn stalken und dieses brisante Thema hatten sie vor wenigen Monaten erst zur Genüge durchgekaut. Das Gute war, dass man sah wenn die andere Person den aktuellen Standort beobachtet hatte. Eithne vertraute Avery wirklich, aber so waren beide abgesichert, dass niemand die Kontrolle völlig verlor. Mittlerweile war Eithne mehr als dankbar, dass sie sie hatten. Sie hatte ihr Ruhe geschenkt. Wenn sie beobachtet hatte wie Avery zwischen Krankenhaus und Einsatz hin und her fuhr. Hatte sogar manchmal einfach weg schauen können, um zu kochen, ein paar Stunden zu schlafen.

Aber dann hatte er sich nicht mehr gemeldet. Und war wenig später Biscayne Boulevard nach Norden gefahren, bis das Zeichen mit seinem Facebook-Profilbild auf der Grünfläche des Museum Parks zum stehen gekommen war. Und dort stand es immer noch. Auf der Parkanlage gab es keine fest angelegten Straßen, das wusste Eithne. Sie hatte genug Nachmittage dort verbracht. Aber solche Probleme waren schon lange keine Probleme mehr. Denn mittlerweile stand das Wasser schon recht hoch und der Park war direkt am Wasser.
Was machte er dort so lange? Sie waren zuvor nie lange an einem Ort geblieben, waren meist sofort zurück zum Krankenhaus.
Stundenlang hatte sie einfach versucht sich zu beruhigen, doch je später es wurde umso mehr Angst kochte in ihr hoch. Vielleicht war er sicher. Ach, vielleicht hatter er auch einfach sein Handy dort verloren. Aber es gab eben auch viele andere "Vielleichts" welche Eithne sich immer wieder aus dem Kopf verbannte. Und bald würde es dunkel werden.

Sie konnte nicht mehr länger hier bleiben und warten. Diese Feststellung kam plötzlich und doch war sie dann vollkommen klar für die junge Frau. Sie musste zu ihm. Wahrscheinlich würde er sie anschreien und nach Hause schicken oder in den Krankenwagen verbannen, aber es war Eithne egal.
Die Callaghan kannte den kurzen Weg nur zu genau, versuchte trotzdem mit noch relativ klarem Kopf zu überdenken wie sie fahren würde. North Miami Avenue so lange wie möglich nicht verlassen und erst die waterfront meiden. Dann bei letzter Gelegenheit über die 11th Street in Richtung Osten und dann würde sie direkt vor dem Museum auskommen. Keine 10 Minuten Fahrt bei normalen Verhältnissen.
Mit der leichten Steigung zu ihren Gunsten würde sie voran kommen. Ob sie es zurück schaffte wusste sie natürlich nicht, aber in dem großen steinernen Gebäuden würde sie irgendwo im Notfall Unterschlupf finden. Trotzdem warf sie noch ein paar Dinge in eine Plastiktüte. Zwei Flaschen Wasser, Müsliriegel, ihren und Averys Pass, ihre Geldbörse und Handy, sowie Akkus. Diese stopfte sie dann in einen Rucksack. Es waren genau die gleichen Dinge die sie wahrscheinlich auch bei ihrer Flucht vor Emil gerne bei sich gehabt hätte. Nur, dass sie nun kein Glitzerkleid trug. Jeans, einen Pullover, Gummistiefel und eine Regenjacke. Sie sah aus wie ein Kindergartenkind mit ihrem Rucksack. Aber Kindergartenkinder konnte nicht Auto fahren, Eithne mittlerweile schon. Nunja, zumindest ein bisschen.

Den Jeep hatten sie vor ein paar Tagen durch die Eingangstür in das alte Foyer der Fabrik gefahren. Hier war er vor Hochwasser nicht geschützt, aber es war immer noch die bessere Variante als die Tiefgarage wo er sonst stand. Langsam fuhr Eni bis vor das Tor und atmete noch einmal tief durch bevor sie dieses dann mit der Fernbedienung öffnete. Es war dumm was sie hier tat. Dumm und wahrscheinlich verantwortungslos. Aber es war auch Avery. Sie konnte nicht länger warten.
Weil sie ihn liebte und er sie auch. Das musste er nicht mehr sagen, das fühlte Eithne andauernd. Wenn er sie morgens ansah wenn sie gerade aufgewacht war. Wenn er ihr Sprachnachrichten von der Arbeit schickte und dabei dumme Witze erzählte die sie trotzdem zum lachen brachten. Wenn er ihr sein Spiderman-Shirt nachts langsam auszog. Und wenn er es dann doch sagte.
Sie konnte nicht mehr warten.

Das Wasser kam ihr entgegen. Nicht sonderlich hoch, aber Eithne war trotzdem geschockt. Doch sobald sich eine tiefe Pfütze um das Auto gebildet hatte, fuhr Eithne hindurch und schloss die Tür wieder. Der Sturm war bereits laut und so hörte sie das sonst deutlich hörbare Surren der Rollade nicht mehr als sie auf die Straße fuhr. Autos waren keine mehr in Sicht. Das Wasser stand 20 Zentimeter tief um sie herum und machte das Fahren schwer. Seit sie mit den Fahrstunden begonnen hatten war Eithne besser geworden. Aber sobald die erste Euphorie vergangen war, hatte sich ihre Motivation auch schnell verdrückt und sie war schon ein paar Wochen nicht mehr gefahren. Vielleicht ein Fehler.
Die kurze Strecke zog sich, kam ihr ewig vor und bis der Park in Sicht kam schlug Eithnes Herz bis zu ihrem Hals.
Hier am Ufer stand das Wasser bereits höher. Mehrere Palmen waren auf die große Kreuzung davor gefallen, unsicher manövrierte Eithne das Auto um sie herum und würgte es dabei mehrmals ab. Der Park, sonst so übersichtlich, zeigte sich ihr immer nur im Sekundentakt. Immer wenn die Scheibenwischer kurz freie Sicht gaben. Eithne hielt vor dem Museum, ein wenig höher gelegen und starrte auf ihr Handy. Die Karte und Averys Markierung waren nicht sonderlich genau, aber er musste irgendwo weiter im Park drin sein.

Irgendwie hatte Eithne erwartet Menschen zu sehen wo Avery sein sollte. Einen Unfall oder sonst ein Unglück. Vielleicht hätte sie im besten Fall einen Blick auf ihn werfen können und wäre dann rasch wieder nach Hause gefahren, total beschämt. Aber hier war niemand. Warum war hier niemand?
Leise schniefend, weil sie Angst hatte, nicht mal nur um ihn sondern auch vor der Situation in die sie sich selber da gerade brachte, fuhr sie über die überschwemmten Wege.
Bis sie ihn sah. Den Krankenwagen. Und sich ihr Herz schmerzhaft zusammen zog. Er lag auf der Seite, war wohl vom Weg abgekommen, eine nieder gekommene Palme überdeckte den hinteren Teil des Fahrzeuges. Taub steuerten ihre Hände den Wagen bis kurz davor, dann rannte sie bereits auf das andere Auto zu, nahm sich nicht mal mehr die Zeit die Türe des Jeeps hinter sich zu schließen.

Es war schwer etwas zu sehen bis sie genau vor dem Krankenwagen stand. Die vordere Scheibe war auf einer Seite zertrümmert, aber dort sass niemand. Ungeschickt und stets abrutschend kletterte Eithne auf die schaukelnde Motorhaube, rutschte wieder zurück und sah dann einen braunen Haarschopf auf der Fahrerseite, hinter dem weißen, zersprungenen Glas. Er hatte sein Handy nicht verloren.
Ein Schrei ohne genaue Wortwahl entfuhr Eithnes Lippen, bevor sie immer wieder seinen Namen rief. Aber es kam keine Reaktion. Wahrscheinlich wäre der Sturm um sie herum auch viel zu laut gewesen um etwas zu hören. Endlich bekam sie den Metallrahmen des Fenster zu fassen und wusste sich nicht anders zu helfen als den noch halbwegs intakten Teil des Fensters einzutreten. Dies war mühsam und dauerte, Glas fiel glitzernd auf die Innenseite der Fahrerkabine, bedeckte ihren mittlerweile mehr sichtbaren Freund wie Sternenschaub. Aber Eithne war alles egal, sie musste zu ihm. Seine Augen waren geschlossen, eine riesige Wasserlache hatte sich innerhalb des Autos auf seiner Seite gebildet und bedeckte ihn bis zu den Oberschenkeln. Wimmernd entfuhr ihr ein "Avy" als sie ungewollt abrupt und hart über die Bank rutschte und halb auf ihm landete. Das Auto um sie herum wankte und Eithne hielt die Luft an. Aber nein, sie fielen nicht weiter.

Wie automatisch und auf jeden Fall unbedacht, wischte Eithne mit der blossen Hand über das leblose Gesicht. Um die Glasscherben davon zu wischen. Sie rissen ihre Handinnenfläche genauso auf wie seine linke Wange. Er regte sich nicht. Eithne schrie ihn an, rüttelte an ihm. Sie löste seinen Gurt, ihr rechter Fuß bekam im Wasser keinen richtigen Halt. Versank darin, genau wie ihr Herz. "Wach auf, Avery, wach auf." Sie schrie und doch war es mehr ein Flehen. Zitternd fanden Zeigefinger und Mittelfinger seinen Hals, doch sie konnte nichts spüren. Weil sie nicht genau wusste wo sie fühlen musste. Und im nächsten Moment lag auch schon ihr Gesicht voller Verzweiflung an seiner Brust.
Der Pulli, wie immer nur halb geschlossen, liess genug Platz für sie und nach ein paar schmerzvollen, langen Sekunden konnte sie seinen Puls durch sein durchnässtes Shirt hören. Eni wusste nicht ob er langsam war, aber das war ihr auch egal. Er war da. Und so schrie sie weiter, entfernte mehr Scherben. Schöpfte am Ende verzweifelt dreckiges Wasser mit ihrer Hand unter ihnen und schwenkte es in Averys Gesicht. Er musste jetzt sofort aufwachen. Sofort.



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Lord of Painkiller

26 Jahre

Rettungssanitäter

1.342 Posts | 17 Threads

Registriert seit: Jun 2017


created by Steffi


#2
Die Anzeige auf dem Display im Krankenwagen zeigte frühen Nachmittag an. Doch der Himmel war so dunkel, sodass es den Eindruck machte, als wäre es bereits später Abend. Wolken hatten sich schwarz und bedrohlich zusammengezogen. Sie wirkten massiv und schwer. Und der Erde so viel näher als sonst. Der Regen, den der Sturm aufpeitschte und durch die Luft wirbelte, verursachte einen grauen Schleier. Man konnte kaum mehr als ein paar hundert Meter weit sehen. Wer sich verständigen wollte, musste schreien, um den Sturm zu übertönen. Laut heulend fuhr der Wind durch die hohen Häuser Miamis, durch Spalten und Ritzen, riss klappernd an Fensterläden und Fahnenmasten. Als wolle er die, die noch draußen unterwegs waren, verhöhnen. Irma. Der Name war bereits seit Tagen durch die Medien gegeistert. Hurrikan Irma. Meteorologen hatten vorhergesagt, dass dieser Sturm einer der schlimmsten der Geschichte an der Küste sein würde. Und wer sich draußen umsah, ahnte, dass die Wissenschaftler Recht behalten sollten.

Die Palmen am Strand bogen sich im Wind. Knapp 100 Meilen pro Stunde hatte die Zentrale durchgegeben. Sie arbeiteten alle Hand in Hand. Polizei, Sanitäter, Feuerwehr, der National Weather Service und die Federal Emergency Management Agency. Alle waren sie miteinander vernetzt. Gaben Informationen weiter, navigierten einander durch bereits unbefahrbares Gebiet und warnten, wenn der Sturm zu heftig werden sollte. Bei 120 Meilen pro Stunde war Deadline. Sollte Hurrikan Irma diese Windstärke erreichen, würden die Rettungskräfte ihre Einsätze einstellen. Dann galt es, das eigene Leben zu schützen.
Sie waren seit Stunden auf den Beinen. Vielleicht auch schon seit Tagen. Avery hatte das Gefühl für Zeit verloren. Mit konzentriertem Blick lenkte er den Krankenwagen durch die düsteren Straßen. Nur vereinzelt leuchtete noch eine Laterne oder Licht in einem der Häuser. Die Menschen hatten sich vorbereitet. Fenster und Türen verbarrikadiert. Die, die zu nahe am Strand wohnten, waren evakuiert worden. Miami wirkte wie eine Geisterstadt.

Mit beiden Händen hielt Avery das Lenkrad fest. Sie fuhren über den Biscayne Boulevard und bei jeder Seitenstraße, die sie passierten, brachten Windböen den Rettungswagen ins Schlingern.
„Das sind mehr als 100 Meilen pro Stunde, meinst du nicht?“, fragte David neben ihm. Die Anspannung klang in seiner Stimme mit.
Avery nickte kurz, nahm seinen Blick aber nicht von der Straße. „Sehen wir zu, dass wir hier schnell wieder rauskommen.“ Ihr Einsatzort war unweit des Museums Parks. An der Metromover Station hatte ein Fernsehteam einen Hilferuf abgesetzt. Offenbar hatten sie sich verschätzt, was die Stärke des Hurrikans anging. Avery war froh, Eithne und seine Familie in Sicherheit zu wissen. Seine Eltern waren in ihrem Haus im Westen von Miami relativ sicher. Es war stabil und solide gebaut. Die letzten Stürme hatten ihm bereits schon nichts anhaben können. Seine Geschwister hatten ihm vor dem Sturm noch gemailt, dass sie in die Notunterkünfte gehen wollte. Und Eithne war im Loft geblieben. Noch lieber wäre es Avery gewesen, wenn sie zu ihren Verwandten nach Chicago gegangen wäre, doch Eithne hatte hatte in seiner Nähe bleiben wollen. Dass das eine dumme Idee war, hatte sie sich nicht einreden lassen. Und als sie ihn fragte, ob ER umgekehrt aus der Stadt gegangen wäre, denn SIE die Einsätze hätte fahren müssen, war ihm kein besseres Argument eingefallen außer: „Das ist was ganz anderes.“
Zähneknirschend hatte er also nachgegeben. Wenigstens war das Loft stabil und lag nicht direkt am Meer. Sie hatte ausreichend Wasser, zu Essen, aber… Er war eben nicht da. Und seine Sorge um sie wurde trotz dem Wissen, dass sie versorgt war, nicht weniger. Alle paar Stunden meldete er sich bei ihr, um sie wissen zu lassen, dass es ihm gut ging. Okay, die Wahrheit war, dass ihn ihre prompte Antwort beruhigte. Und wenn dieser Einsatz vorbei wäre, nahm er sich vor sie anrufen. Er wollte ihre Stimme hören. Das Lächeln darin, das sich wie von selbst auf ihren Lippen bildete, wenn sie seinen Namen aussprach.

Ein lautes 'Klonk' riss ihn aus seinen Gedanken. David sprang fast aus seinem Sitz, hätte ihn der Sicherungsgurt nicht gehalten. „Scheiße, was war das?“, fragte er.
„Beruhig dich. Etwas ist gegen die Windschutzscheibe geprallt. Nichts passiert.“ Avery drosselte das Tempo ein bisschen. Wasser stand eine Handbreit auf den Straßen. In ein paar Stunden würde es mindestens kniehoch sein. Aber bis dahin waren sie längst wieder weg. Aufmerksam schaute er nach vorne. Abgedeckte Plastikplanen, lose Holzteile und abgerissene Palmwedel wirbelten durch die Luft. Sie mussten jetzt schon wahnsinnig aufpassen. Der Scheibenwischer arbeitete bereits auf höchster Stufe, trotzdem war die Sicht nach wie vor schlecht. Rechts von ihnen lag das Meer. Nur dank der schäumenden Wellen erkannte man, wo das Wasser endete und der Himmel begann. Hier am Strand herrschte Finsternis. In dem Stadtteil musste die Stromversorgung zusammengebrochen sein. Nur die Scheinwerfer und das Licht des Martinshorns erhellten die Straße. Und es war, als fuhren sie direkt in die Dunkelheit hinein.
„Vorne auf der Straße“, David deutete mit dem Finger geradeaus. Er hatte die Augen etwas zusammengekniffen, um besser zu sehen, „ich glaube, da liegen Palmen.“
David hatte Recht. Die Straße war versperrt. „Mist.“ Bis zur Metromover Station war es nicht mehr weit. Ausgerechnet hier wurden wie ausgebremst. Avery sah kurz nach rechts, dann nickten sie beide gleichzeitig. Der Museum Park war mit schmalen Straßen gesäumt, die gerade so breit genug für den Rettungswagen waren. Vorsichtig lenkte er das große Gefährt auf die engere Straße.

Kaum hatten sie die breite Straße verlassen, merkte man den fehlenden Windschutz der Häuser. Der Krankenwagen schwankte bedrohlich. „Verfluchte Journalisten“, murmelte David neben ihm leise. Seine Worte waren bei dem Donnern und Brausen draußen kaum zu hören. Avery spürte selbst, wie sein Herz in der Brust klopfte. „Wir sollten sie zwingen aus unserem Einsatz einen Hollywoodfilm zu drehen.“
„Mit Dinosauriern.“
„Oh ja. Gute Idee. Ein richtiger Endzeitfilm. Mit Dinosauriern und Aliens.“ Avery lachte etwas zu laut und David stimmte mit ein. Sie versuchten beide ihre Angst zu überspielen. Direkt an der Küste waren die Naturgewalten am schlimmsten. Der Regen prasselte heftig gegen die Fenster des Krankenwagens. In den wenigen Sekunden, in denen ihnen die Scheibenwische freie Sicht gewährten, sahen sie Palmen, die sich im Wind fast bis zum Boden bogen. Averys Lachen verstummte. Ihm war nicht wohl bei der Sache. Das Wasser machte den Wind sichtbar. Wie weiße Wellen wirbelte er durch die Luft und tanzte in kaltem Streifen über den Boden. Die langen Palmen wankten im Wind als wären sie betrunken. Ihre grünen Wedel wirkten trostlos und schwarz in der Dunkelheit. Das blinkende Licht des Krankenwagens warf geistige Lichtblitze in die Umgebung. Inzwischen war das Heulen des Hurrikans so laut, dass es an das Pfeifen einer Lokomotive erinnerte. Deshalb hörte niemand das Knacken, als die Palme vor ihnen ihren Widerstand aufgab.

Das entsetzliche Krachen, als der Baumstamm auf den Krankenwagen stürzte, übertönte den Sturm schließlich doch. Avery wurde das Lenkrad aus den Händen gerissen. Etwas klirrte und ein Schleifen kreischte durch die Dunkelheit. Der Wagen schien sich aufzubäumen, während ihn hinten etwas festhielt. Hart schnitt der Gurt in Averys Brustkorb. Luft wurde aus seiner Lunge gepresst. Die Reifen schlingerten über die nasse Straße. Ihm war instinktiv klar, dass sie bei dem Wasserstand die Haftung verloren. Der Wind erledigte den Rest. „Scheiße“, brachte er hervor, ehe der Krankenwagen auf die Seite kippte. Es passierte alles so schnell, dass er sich nicht vorbereiten konnte. Wie eine Spielfigur, wurde er im Sitz herumgerissen. Sein Kopf stieß gegen den Metallrahmen der Tür und etwas Helles explodierte hinter seinen Lidern. Die Welt begann sich zu drehen und Avery hatte Mühe, geradeaus zu schauen. Er tastete mit der Hand um sich und seine Handfläche war mit etwas Rotem verschmiert. Jetzt, wo er drüber nachdachte, wurde er plötzlich von einem stechendem Schmerz erfasst. Avery schloss die Augen, um gegen den Schwindel anzukämpfen. Als er versuchte, sie wieder zu öffnen, flüsterte ihm die Dunkelheit zu, er solle doch bleiben. Und da blieb er.

Averys Kopf hämmerte, als er aufwachte. Sein Nacken und sein Rücken waren steif. Ihm fehlte die Orientierung. Ziellos schwankte sein Blick umher, bis er etwas Rotes erfasste. Mühsam blinzelte er. Lange, rote Locken umrahmten ein Gesicht. Er kannte die Locken. Und er kannte dieses Gesicht. Er hatte es schon einmal gesehen. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern.
„Avery!“ Sie riss die Augen auf und er glaubte Erleichterung zu erkennen. Weitere Worte sprudelten aus ihrem Mund, doch sie sprach zu schnell. Er konnte ihr nicht folgen. Erneut blinzelte er. Allmählich wurden die Umrisse seiner Umgebung klarer. Er sah das Lenkrad und den weißen Sack des erschlafften Airbags. Eine geborstene Windschutzscheibe. Verbogene Streben des Metallrahmens. Und überall lagen Scherben und Splitter verstreut.
Mit zitternden Fingern strich der rotgelockte Engel über seine Wange. Ihre Berührung fühlte sich an, wie wenn sie mit etwas Scharfkantigem über seine Haut fuhr. Er schluckte und holte mühsam Luft. „Ei...thne...“ Ihr Gesicht war nass. Er wollte die Hand heben und es berühren. Doch sein Arm fühlte sich entsetzlich schwer an. „Bin ich im Himmel?“, nuschelte er undeutlich. Trotzdem gelang es ihm ein schiefes Grinsen zuwege zu bringen. „Was ist passiert?“

Wasser gluckerte leise. Avery sah an sich herunter. Er lag halb auf dem Fahrersitz und halb gegen das Seitenfenster gedrückt. Der Gurt baumelte los über seiner linken Schulter. Unterhalb seiner Hüfte hatte sich Wasser angesammelt. Viel Wasser. Erst jetzt merkte er, wie heftig der Krankenwagen durchgeschüttelt wurde. Irma tobte über ihnen. Er schloss die Augen und fühlte, wie sein ohnehin schon blasses Gesicht fahl wurde. „Was machst du hier, Eithne?“ Sie sollte doch in Sicherheit sein. Wieso war sie hier, an diesem gefährlichen Ort? Avery wollte die Beine bewegen. Aber er fühlte sie nicht mehr. Eine eiskalte Hand packte sein Herz. Er fühlte seine Beine nicht! Sie sind eingeklemmt, versuchte er sich zu beruhigen. Oder es ist das Wasser. Die Kälte hat alles betäubt. Das Zittern seiner Hände waren ein Beweis. Außerdem konnte er nur schwer das Klappern der Zähne unterdrücken. Dabei war ihm gar nicht kalt. Oder? Wieso war er so verwirrt? Avery schüttelte den Kopf. Dumme Idee. Das Hämmern im Schädel wurde noch schlimmer.

„Wir müssen raus.“ Hatte Eithne das nicht eben auch gesagt? Er war sich nicht sicher. Endlich gelang es ihm, ihre Hand zu ergreifen. Sofort schlossen sich ihre Finger um seine. Sie lächelte. Trotz der Tränen in ihren Augen, lächelte Eithne. Und sie war schöner, als er sie je in Erinnerung hatte. „Ich kann meine Beine nicht bewegen.“ Es kostete ihn viel Mühe, das auszusprechen. Die Angst schwang deutlich in seiner Stimme mit. „Kannst du...?“ Sein Blick glitt an ihr vorbei. „Wo ist David?“ Der Sitz neben ihm war leer. Glassplitter bedeckten den Stoff. Fetzen des Sicherheitsgurts hingen von der Decke. Sie bewegten sich mit dem Wind. „Wo ist David?“



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life - sweet like cinnamon

24 Jahre

Studentin

911 Posts | 31 Threads

Registriert seit: May 2017


created by Nanna


#3
Als sich Averys Augen öffneten entfuhr Eithne ein Geräusch, welches sie selber noch nie gehört hatte. Irgendwo zwischen trockenem Schluchzen und Wimmern. Krampfhaft versuchte sie in dem halb auf der Seite liegenden Fahrzeug Halt auf dem Sitz zu finden ohne dabei zuviel Gewicht auf Avery abzulegen, aber es funktionierte nur wenn sie ihren Fuß zur Hilfe nahm und so fand auch dieser seinen Weg ins wirklich eiskalte Wasser. Was fast genauso kalt war, waren Averys Wangen. Mittlerweile von Glasscherben befreit, hatte Eithne eine Hand auf diese gelegt. Erst jetzt bemerkte sie wie dunkel seine Lippen waren, beinahe blau.
Sein Blick wirkte verwirrt und die Worte kamen nur langsam. Trotzdem bildete sich beinahe sofort ein Lächeln auf Eithnes Lippen. Während die eiskalte Hand sich wohl um Averys Herz schloss, hatte sie ihre gerade verlassen. Sie war überfordert, sie hatte Angst. Aber er hatte die Augen aufgemacht.

„Was machst du hier, Eithne?“
Einen Spaziergang. Eithne wusste, dass sie nicht wirklich darauf antworten musste. Dass die Frage überflüssig war, genau wie eine Antwort. Trotzdem lösten sich Worte wie von alleine von ihren Lippen während sie sich aufrichtete und ihren Schal von ihrem Hals zog um ihn um Avery zu legen. "Dich nach Hause holen, du Idiot." - Wahrscheinlich ziemlich harsche Worte wenn man die Situation bedachte, aber ihre Stimme sprach eine ganz andere Sprache. Sie klang zerbrechlich und dünn, voller Erleichterung und doch auch Angst. Kein Vorwurf. Wofür auch. Er war kein Idiot, Eithne fand nach wie vor, dass er ein Held war. Wenn der heutige Tag das nicht gezeigt hatte, wusste sie auch nicht wie man Held wurde. Wenn er ein Idiot war, dann wenn er es wagte eines Tages nicht zu ihr zurück zu kommen. Aber nein, heute war nicht dieser Tag. Heute würden sie ihn nach Hause tragen wenn es nicht anders ging. Heute hieß Idiot eher 'ich liebe dich'.

Ja, sie mussten wirklich hier raus. Wahrscheinlich war es im Krankenwagen gerade sogar sicherer als draußen, aber nicht mehr lange und der Park würde vollkommen unter Wasser stehen. Der Krankenwagen auch. Und der Jeep. Das Knacken der Palmen war sogar über das Getöse des Windes zu hören, kein gutes Zeichen. Eithnes Blick glitt kurz über ihre Umgebung, als wolle sie diese einschätzen. Wie kamen sie am einfachsten hier wieder heraus?
„Ich kann meine Beine nicht bewegen.“ - Ihr Gesicht schnellte zu Averys zurück "Was?" Sie hatte genau gehört was er gesagt hatte. Und trotzdem konnte sie es nicht glauben. Vielleicht war so etwas sein täglich Brot, aber für sie gehörte es in Filme. Gut. Das taten auch umgekippte Rettungswagen und Hurricanes dieser Art. Sie schluckte, drehte sich dann ebenfalls nach David um. Obwohl sie ja schon bereits genau wusste, dass er nicht da sein würde. Über die Tatsache, dass Avery natürlich niemals alleine auf Einsätze fuhr hatte sie bis gerade gar nicht nachgedacht. "Ich weiß es nicht." murmelte Eithne schließlich und sah dann zurück zu Ave. "Wir finden ihn. Aber erst... musst du hier raus." - Auch wenn ich nicht weiß wie.

Zwei Atemzüge gab sich Eithne Zeit. Dann kletterte sie so gut es ging wieder ein wenig die Sitzbank hoch um besser sehen zu können. Um sie herum wackelte alles und einen Moment lang glaubte sie ernsthaft, dass sie sich nur hart genug gegen die gegenüberliegende Beifahrertür werfen musste, damit das Auto dann wirklich wieder zurück kippen würde... und sie einfach aussteigen konnten. Es hätte wahrscheinlich nicht einmal bei einem normalen Wagen funktioniert. Trotzdem machte Eithne weiter und erst als sie merkte wie sie sich selber den Atem aus den Lungen presste, mit jedem Versuch mehr, hielt sie inne. Ihr Blickt glitt zurück auf Avery, dann wandte sie sich ab damit er nicht sah wie sich ihr Blick verzog. Tränen kamen keine. Aber er sollte es trotzdem nicht sehen. Denn Eithne hatte keine Ahnung was sie tun sollte.
Sie glaubte zu wissen, dass David aus dem Wagen geschleudert worden war. Zumindest sprachen der zerfetzte Gurt dafür und wie die Frontscheibe ausgesehen bevor Eithne sie weiter eingetreten hatte. Doch sie hatte ihn nirgendwo gesehen. Vielleicht war er mitgenommen worden? Sie selber hatte Avery durch das zersprungene Glas auch schlecht sehen können, da hatten ihn jemand übersehen? Vielleicht hatte er ihn zurück gelassen um Hilfe zu holen?

Doch im nächsten Moment, nachdem ein lautes Grollen über ihnen ertönte, konnte Eithne nicht mehr weiter an David denken. Sie rutschte zurück zu Avery. Bis ihre Wange seine berührte, erneut was sie erschrocken von der Kälte seiner Haut. "Ich hol dich hier irgendwie raus." murmelte sie leise.
Ihre Finger ertasteten Blut an seinem Kopf und ein paar Sekunden lang inzpizierte sie seine Wunde. Er sah schrecklich aus, aber erinnerte sie an ihre eigene. Und die hatte sie überlebt. Also würde das warten müssen. Dann waren seine Beine dran. Mit dem ganzen Wasser konnte sie nichts erkennen.

Das Lenkrad war definitiv im Weg. Sie hätte ihn irgendwie hier heraus ziehen können, den gleichen Weg nehmen wie sie herein gekommen war, wenn da nicht das Lenkrad gewesen wäre. Schwerkraft. Und die Tatsache, dass Avery, der ja eigentlich eher ein Fliegengewicht war, trotzdem noch zu schwer für Eni war. Nein, das waren zu viele Probleme, sie musste einen anderen Weg finden. Ihr Blickt glitt nach hinten,... da war keine Tür zwischen der Kabine und der Ladefläche. Warum eigentlich nicht?? Das Beifahrerfenster war auch zu weit oben... Eithnes Blick raste Milisekunden später zu dem Fenster an dem sein Kopf aufgeschlagen war. Dem Fenster, das noch intakt war, dafür aber kleine Bäche von Averys Blut zeigte. So wie sich das Auto auf die Seite gelegt hatte war da kaum Platz zwischen dem Metallrahmen und dem Boden. Und dieser Platz wurde mittlerweile von Wasser eingenommen. Ich kann das nicht alleine. sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Doch eine anderen schrie dagegen an während sie zurück zu Avery blickte. Kannst du wohl, du kannst alles. Heute kannst du alles.

Im nächsten Moment hatte Eithne den Schal der um Averys Hals hing über sein Gesicht gezogen. Hatte sich nach der Axt hinter ihnen umgedreht. Wie oft sie sie schon in Selfies die ihr Avery in Pausen schickte gesehen hatte. Fest montiert, definitiv für den Notfall gedacht, hinter der Fahrersitzkopfstütze angebracht und doch schnell zu finden wenn man wusste wo man suchen musste. Eithnes Hände zitterten immer noch als sie versuchte sie zu lösen, es dauerte einen Moment, aber dann kam sie los. Da war kein Zögern mehr als sie sie gegen die Fensterscheibe schlug. Der erste Schlag brachte dann aber gar nichts, erst der vierte. Sobald das Glas endlich zerbarst war es überall und es brauchte nur ein paar weitere Hiebe bis die Scheibe vollkommen zerstört war. Völlig außer Atem warf sie das Ding hinaus, dann stieg sie über Avery und drehte sich auf den Rücken. Sie passte dazwischen! Es würde funktionieren. Doch während sie sich abstiess bemerkte Eni wie sehr das Fahrzeug durch die relativ geringe Gewichtsverlagerung zu straucheln begann und einen Moment lang sah sie schon wie sie von der Autoseite eingequetscht werden würde vor ihrem inneren Auge. Egal. Alles egal. Nicht denken, tun.

Völlig außer Atem zog sie den Schal wieder von Avery Gesicht als sie sich nun vor dem Auto knieend wieder zu ihm herein beugte und einen ersten Versuch darin unternahm ihre Hände unter seinen Armen so zu verhaken, dass sie ihn heraus ziehen konnte. Es dauerte lange. Alleine ihn von seiner seitlichen Position durch das Fenster zu bekommen war ein Kraftaufwand, doch es ging langsam, aber stetig vorran. Eithne spürte wie eine einzelne noch abstehende Glasscherbe sich tief in ihren Nacken schnitt als sie sich erneut tiefer ins Auto bückte um zu erkennen, dass Averys Beine einfach noch so wie sie lagen das Problem waren. Das Wasser war mittlerweile durch das fehlende Fenster ein wenig abgeflossen. Sie ignorierte den Schmerz.
Irgendwann schaffte sie es, zog den größeren Körper soweit mit sich, dass sich ihr Gewicht von einem auf den anderen Moment nicht mehr auf ihre Knien befand, sondern hinter ihr und sie mitsamt Ave auf ihrem Hintern landete. Sein Körper war nun bis zu den Oberschenkeln befreit, aber das Auto straucherte immer mehr und die völlig erschöpfte Eithne bettelete Avery unbewusst darum an ihr zu helfen. Als ein Ruck sie plötzlich weiter vom Auto verfrachtete wusste sie, dass etwas geschehen war, wenn auch nicht genau was. War da doch mehr Kraft in ihr als sie gedacht hatte? Oder hatte ersich abgestossen? Keine Zeit zum nachdenken.

Zwei Meter schleifte sie ihn noch mit sich vom Krankenwagen weg, dann sank sie erneut auf ihrem Po zusammen, die Arme immer noch fest von hinten um Averys Brust geschlungen und keuchend liess sie ihre Stirn von hinten auf seine Schulter fallen. Sie hatte es geschafft. Heute war sie stark genug. "Ich hab dich." entwich es ihr, aber so richtig redete sie gar nicht mit Avery. Im nächsten Moment fühlte sie wie er sich bewegte, sein Knie zuckte und Eithne stiess einen erleichterten Seufzer von sich.
Irgendwie schafften sie es nach einer Weile zum Auto zu humpeln und Eithne half Avery auf den Beifahrersitz, wo er sofort zusammen sank. Sie wollte gerade um das Auto herum rennen, da fiel er ihr wieder ein. David. Panisch rannte sie um den Krankenwagen herum, dorthin wo er aufgekommen sein musste. Aber da war niemand.
Eni sah sich weiter um, doch mittlerweile konnte man im Regen kaum noch bis zum anderen Ende der Grünfläche sehen. Sie konnte doch jetzt nicht einfach fahren? Was wenn David hier irgendwo war. Aber Avery musste dringend in Sicherheit. Völlig bewegungslos stand Eithnw einen Moment lang da, dann setzte sie sich in Bewegung und kletterte ins Auto, startete den Motor und verliess den Park so schnell es nur ging.
Sie wollte helfen. Aber es war ihr nunmal niemand wichtiger als Avery.

Ihr Plan war es gewesen ihn ins Krankenhaus zu fahren, natürlich. Aber als sie wieder zurück auf die Hauptstraße kam wurde Eithne erst bewusst wie stark der Sturm zugenommen hatte. Um zum Krankenhaus zu kommen musste sie die Straße am Wasser entlang nehmen und dabei den Fluß überqueren. Das ging nicht mehr, da war sie sich sicher. Ängstlich steuerte sie den Slalom um die immer noch auf der Kreuzung liegenden Palmen und fand ihren Weg zurück zum Loftgebäude. Ein schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit. Sie hatte David nicht vergessen. Und was wenn Ave eine Gehirnerschütterung hatte oder innere Blutungen? Sie hatte in den letzten paar Minuten so viele Entscheidungen getroffen die schrecklich ausgehen konnten. Aber sobald sie erleichtert merkte, dass das Tor sich noch öffnen liess und sie in die mittlerweile voll geschwemmte Eingangshalle fuhren, merkte Eithne wie ihr Herz leichter wurde. Mit dem zufallenden Tor wurden die Geräuschkulisse leiser. Eithne hielt den Wagen direkt neben dem Treppenhaus, der Aufzug würde eh nicht funktionieren. Ihre Hände zitterten immer noch, aber ihr Atem hatte sich beruhigt. Ihr Nacken zog schrecklich, aber was viel mehr weh tat waren die Rückseite ihrer Oberschenkel. Bereits bei der Fahrt hatte Eithne gemerkt, dass ihre Jeans und der Sitz unter ihr sich lamgsam aber sicher mit Blut vollsogen. Sie musste sich ihren Hinter oder ihre Beine ziemlich schlimm bei durch die Frontscheibe klettern aufgeschnitten haben ohne es zu merken. Aber die Tatsache, dass sie es wieder spürte, dass sie nicht nur Panik umhüllte, war gut.

Während der Fahrt war Eithnes Blick immer wieder zu Avery rüber geflackert und er sah immer wacher aus. Trotzdem schien sprechen erst noch nicht drin gewesen zu sein. Jetzt rutschte Eni zu ihm rüber, legte ihre Stirn an seine Schläfe. "Fast geschafft." murmelte sie. "Ich brauche nur noch einmal deine Hilfe. Wenn ich dich die Treppen hoch tragen könnte wie du mich damals, würde ich es machen... aber ich kanns nicht. Meinst du das geht? Wir machen ganz viele Pausen und dann sind wir in Sicherheit." Eithne schulterte den Rucksack mit ihren wichtigsten Besitztümern und sah ihn dann fragend an, ihre Hand auf seiner.
Die Treppenstufen rauf, dann konnte sie ihn versorgen. David anrufen. Die schreckliche blaue Farbe von seinen Lippen verjagen.



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#4
Adrenalin. Zwei Einheiten Kochsalz und Glukose. Dann der Reflextest. Das normale Vorgehen in Fällen von Schock und Gefühllosigkeit in Gliedern spulte sich in Averys Kopf ab. Er sollte seinen Puls messen um den Schockindex zu bestimmen. Doch er hatte keine Ahnung, wie er einen aktuellen systolischen Blutdruck messen sollte. Ein Blick nach hinten bestätigte, was er längst ahnte. Durch die gesprungene Plexiglasscheibe konnte er sehen, dass der hintere Teil des Krankenwagens völlig demoliert war. Der Baum hatte ihn zerquetscht; zusammengefaltet, wie eine Ziehharmonika. Die Schubladen, in denen sich ihre Notfallausrüstung befand, waren teilweise zerstört oder ihr Inhalt schwamm auf dem gefluteten Boden. Nicht mehr zu retten. Er musste ohne medizinische Hilfsmittel durchhalten.
Das Einzige, das ihm übrig blieb, war die Ruhe zu bewahren. Eine Fähigkeit, die ihm – dem ungeduldigen, hibbeligen Zappelphilipp – ausgerechnet in solchen Situationen am besten gelang. Sein Blick kehrte zu Eithne zurück. Ein paar Mal musste er blinzeln, denn noch immer verschwamm die Sicht vor seinen Augen, wenn er in Bewegung war. Er sollte wütend sein, dass sie hier war. Dass sie sich solch einer Gefahr aussetzte. Aber Avery verspürte keine Wut. Nur Angst. Und Dankbarkeit. Er war nicht allein. Nichts erschien ihm schlimmer, als die Vorstellung in so einer hilflosen Lag allein zu sein. Noch immer spürte er seine Beine nicht und das Wasser stieg von Minute zu Minute. Wie viel Zeit war seit dem Unfall vergangen? Dem Pegel des Wassers nach zu urteilen, mehr als nur ein paar Minuten. Das war schlecht. Er dachte an David. War er bei dem Unfall aus dem Fahrzeug hinausgeschleudert worden? Oder hatte er sich auf den Weg gemacht, um Hilfe zu holen? Vielleicht hatte ihm der Aufprall die Orientierung genommen? Avery zwang sich die Szenarien in seinem Kopf durchzugehen. Das Denken bewahrte ihn davor über die eigene Situation zu grübeln. Über seine Beine. Oder den Schmerz in seinen Kopf. Oder Was, wenn....

Ein tiefes und bedrohliches Grollen ertönte über ihnen. Eithne beugte sich hinunter und ihr Duft traf ihn. Avery atmete langsam und tief ein. In seiner Brust spürte er ein leises Stechen, aber er fühlte sich trotzdem besser. Er war nicht allein. Es könnte alles viel schlimmer sein. Sanft tasteten ihre Finger über seine Haut an der Wange, an der Stirn an der Stelle, wo der Metallrahmen eine hässliche Wunde hinterlassen hatte. Trotzdem zuckte er zusammen. „Das wäre nicht schlecht“, antwortete er angestrengt auf ihren Satz. „Ist hier nämlich nicht so bequem...“ Sein schwacher Sarkasmus sollte ihr Ruhe vermitteln. Er wusste nicht, ob es tatsächlich half. Eithnes Blick glitt durch den Wagen, bis er an etwas hinter ihm hängen blieb. Sie beugte sich vor, nahm ihren Schal von seinen Schultern und legte ihn ihm über die Augen. Avery ließ sie machen. Es gab sowieso nicht viel, was er hätte tun können und zum Protestieren fehlte ihm schlichtweg die Kraft. Außerdem vertraute er ihr.
Dumpf dröhnten Schläge in seinen Ohren. Avery schloss die Augen. Sein Kopf fühlte sich an, als wolle er jeden Augenblick platzen. Doch er begriff, was sie vorhatte. Als die Scheibe endlich splitterte, rollte Erleichterung durch ihn hindurch, wie das Wasser durch diesen Krankenwagen. Hörbar holte er Luft, und merkte erst dann, dass er den Atem angehalten hatte.

Trotz des vorangegangenen Kraftaufwandes, schaffte Eithne es ihn aus dem Krankenwagen zu ziehen. Auf der Straße blieben sie erschöpft sitzen. Regen schlug ihnen ins Gesicht. Spitz wie Nadelstiche fühlte er sich an, weil der Sturm die Tropfen anpeitschte. Deutlich konnte er ihr hämmerndes Herz gegen seine Wirbelsäule spüren. „Ja“, krächzte er angestrengt. „Geschafft.“ Avery schloss die Augen. Er brauchte den Moment, einen winzigen Augenblick, um sich zu sammeln und zu wappnen, vor dem, was vielleicht kommen würde. Dann holte er Luft, und versuchte ein Bein anzuwinkeln. Das Knie zuckte. Und reagierte. Schwer und steif fühlte sich alles an und wenn die Blutzirkulation wieder richtig funktionierte, würde er Schmerzen haben. Aber die nahm er liebend gern in Kauf. Der zweite Schub Erleichterung nahm ihm kurz die Kraft. Mit dem Rücken sank er gegen Eithnes Brust und fühlte, wie sie kämpfte nicht umzufallen. „Es geht“, murmelte er glücklich. „Meine Beine... Ich kann sie bewegen...“
Mit ihrer Hilfe gelang es ihm sich aufzurichten. Gemeinsam stemmten sie sich durch den Sturm. Der Wind riss an ihren Kleidern, trieb die Kälte in die tiefste Stellen ihrer Knochen und die Angst von umherfliegenden Teilen getroffen zu werden, besetzte ihre Herzen. Dann schlug die Tür des Trucks hinter ihm zu und dämpfte die Geräusche. Avery beobachtete, wie Eithne draußen aus seinem Blickfeld verschwand. Hektisch richtete er sich auf, sein Herz holperte gegen seine Rippen. Wo war sie? Hatte sie David gefunden? Doch kurze Zeit später sprang sie neben ihm auf den Fahrersitz. Allein.

Nie war ihm das Loft lieber gewesen, als in diesem Augenblick. Der Anblick allein, weckte in Avery ein Gefühl von Sicherheit. Hier war sein Zuhause. Hier waren sie vor dem Sturm geschützt. Und hier hatte er seinen Notvorrat an Medikamenten und medizinischen Utensilien gelagert. Dinge, die er abends, nach der Arbeit in seiner Hosentasche fand. Aus Versehen. Natürlich.
Den Arm um ihre Schultern geschlungen, schleppten sie einander die Stufen hinauf. „Badezimmer“, keuchte Avery, als sie den ersten Stock erreichten. Eithne fasste nach und wandte sich nach links. Die zweite Tür war das große Badezimmer. Auf dem Rand der Badewanne ließ Eithne ihn vorsichtig absinken. „Geht schon“, bestätigte Avery als er die unausgesprochene Frage in ihren Augen las. Er würde nicht rückwärts in die Badewanne kippen. Hoffte er zumindest. Sie ließ ihn los, trat nur einen Schritt zurück und ließ ihn nicht aus den Augen. Bereit jeden Moment wieder zuzupacken, falls er schwanken sollte. Dumm war das nicht. Avery spürte, wie sich in seinem Magen allmählich Übelkeit ausbreitete. Kalt war ihm sowieso schon die ganze Zeit. „Erste Hilfe-Kasten“, murmelte er und als Eithne Anstalten machte in die Küche zu gehen, hielt er sie am Arm fest. „Nein, der andere. Im Schrank für die Handtücher“, kraftlos streckte Avery den Arm aus und wies auf die Stelle, „hinter dem untersten Stapel. Da liegt die eine Tasche.“ Hier waren die Dinge drin, die er jetzt brauchte. Die Hayden manchmal brauchte... Dagegen war der andere Erste-Hilfe-Kasten Kindergarten. Sie nickte, wandte sich um und in dem Augenblick wäre Avery tatsächlich beinahe in die Wanne gefallen. „Eithne!“, stieß er erschüttert aus und stellte trotz des Schwindels auf die Füße. „Deine Beine...“ Die gesamte Rückseite ihrer Jeans, teilweise auch der Rand ihres Shirts waren rot verfärbt. „Shit! Du bist verletzt. Du bist verletzt. Du bist verletzt.“ Er hörte selbst die Hysterie in seiner eigenen Stimme. Sofort war Eithne wieder neben ihn und dirigierte ihn zurück auf die Badewanne. „Okay.“ Avery biss die Zähne zusammen. Er musste klar denken. Eins nach dem anderen. Prioritäten setzen. Und so schwer es ihm auch fiel – er musste zuerst er sich selbst versorgen, bevor er sich um Eithne kümmern konnte.

„Die Tasche“, bat er ein zweites Mal und konzentrierte sich darauf die Signale seines Körpers. Den Puls musste er nicht mehr messen. Längst war ihm klar, dass er unter Schock stand. Sein Körper konzentrierte sich auf die Versorgung der wichtigsten Organe im Körper. Was für die anderen Organe fatale Folgen haben würde, wenn der Zustand zu lange anhielt. Eithne stellte die Tasche vor seine Füße. Mit zitternden Händen riss er den Reißverschluss auf und begann darin zu wühlen bis er fand, was er suchte. Desinfektionsmittel. Spritze. Adrenalin. Trinken und Wärme würde erst an die Reihe kommen, wenn Eithne versorgt wäre. „Du musst das machen“, murmelte er und reichte ihr die Sachen. „Meine Hände zittern zu sehr. Zieh die Spritze bis zum vierten Strich auf.“ Er krempelte sein Shirt hoch und desinfizierte mit einem getränkten Wattebausch eine Stelle an seinem Oberarm. „Dann rein damit.“ Avery sah sie an. Fest und zuversichtlich. „Du kannst das.“ Kurz nahm er ihre Hand und drückte sie. „Ich weiß es.“



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#5
Eithne dachte nicht darüber nach warum die Tasche mit den Medikamenten scheinbar versteckt unter Handtüchern lag oder warum sie noch nie von dieser gehört hatte. Wahrscheinlich wäre sie nicht mal misstrauisch genug gewesen um normalerweise großartig darüber nachzudenken… aber gerade jetzt war ihr nichts wirklich wichtig, außer der Tatsache, dass Avery hier war. In Sicherheit.
Zumindest hoffte sie das. Das schlechte Gewissen riss an ihr und brachte sie dazu alle paar Sekunden den Faden ihrer eigenen Gedanken zu verlieren. Das schlechte Gewissen wegen David und die Angst einen Fehler begangen zu haben indem sie Avery nach hier und nicht ins Krankenhaus gebracht hatte. Doch er hielt sie auf Trapp, sie half lieber als viel nachzudenken. Das hier war Avery Forte, nicht ihres.
An ihre eigenen blutigen Beine dachte sie erst wieder als sie dem Smith auffielen und natürlich begann die lange Schnittwunde auch just in diesem Moment wieder unglaublich schmerzhaft zu ziehen als sie ihr so ins Gewissen gerufen wurde. Doch anstatt weiter darauf einzugehen dirigierte Eithne lieber wieder Avery auf den Badewannenrand zurück.

Da lag sie nun vor ihnen, die Tasche, und Eithne sah beinahe hilflos zu wie Avery darin herumwühlte. Sie wollte helfen, begann mehrmals eine Bewegung, wollte ihm das Bücken ersparen, aber sie wusste nicht was sie tun sollte und kam nicht hinterher. Bis er ihr dann die Spritze in die Hand drückte. Seinem Blick war zu entnehmen, dass man Eithne ansah wie unglücklich sie diese Idee machte. „Du kannst das. Ich weiß es.“ Beinahe hätte sie laut geschluckt. Er wusste es? Sie nämlich nicht… Ohne ein Wort nahm sie die Spritze und kleine Ampulle entgegen und konzentrierte sich zuerst einmal darauf wie beschrieben die klare Flüssigkeit aufzuziehen. Dass ihre eigene Hand dabei unglaublich zitterte brachte ihren Atem kurz zum stocken. Wenige Sekunden später zeigte Avery ihr auch schon die richtige Stelle, korrigierte sie im Ansatzwinkel und musste dann dabei zusehen wie Eithne den ersten Versuch erstmal versaute und ihm ungeschickt in den Arm stach ohne damit weit zu kommen. Ein kleines Wimmern entfloh ihren Lippen, gefolgt von Entschuldigungen die noch anhielten bis die Nadel dann diesmal sicher in seinem Arm gelandet war. Langsam spritzte sie das Adrenalin unter seine Haut und dann war da auch schon ein Pflaster. Eithnes Atem ging schnell und laut und sie wäre wohl erleichtert in sich zusammen gesackt wenn da nicht Averys Kopf gewesen wäre. Unvorsichtig warf sie die Spritze in das Waschbecken neben ihr und richtete sich auf.

Weil Avery sass konnte Eithne gut seinen Kopf inspizieren. Für den Laien war unter seinem nassen Haar schwer zu identifizieren wie schlimm seine Kopfwunde war und so musste Eithne sie Avery beschreiben. “Also… das Blut… Das Blut am Rand der Wunde ist schon leicht verkrustet... Warte, das ist gut, oder? Das heißt es kommt nicht mehr allzu viel neues?” Enis Stimme klang voller Hoffnung, doch als sie ihre Finger hob sah sie daran doch frisches Blut. Unwirklich wirkte es. Wie konnte es denn bitte Averys sein? Unter seinen langsamen Angaben schaffte Eithnes es eher schlecht als recht die Wunde zu säubern, dann mit Kleber grob miteinander zu verbinden, für Klammerpflaster war sie leider zu unregelmäßig. Schließlich landete ein dicker, abfedernder Verband auf Averys Hinterkopf. “Okay…okay, ich glaube es hält so.” murmelte sie und verschwand dann unter dem Vorwand ein paar Sachen zusammen suchen zu wollen aus dem Bad.

Die Flurwand fühlte sich kühl gegen ihren Rücken an, ach, alles fühlte sich gerade kühl an. Eithnes Atem ging stossweise und tat in ihrem Oberkörper weh. Die Tränen wollten nicht kommen und doch schüttelte sich ihr Körper kurz so als würde sie weinen. Langsam liess das Adrenalin nach, langsam wurde ihr bewusst was da alles in der letzten Stunde geschehen war. Sie versuchte sich zu beruhigen, wollte Avery nicht zeigen wie wenig sie sich unter Kontrolle hatte und wie kurz sie vor einer Panikattake stand. Als ihr Blick erneut auf ihre blutigen Fingerspitzen unter sich fiel, sah sie das Bild vor sich. Das Bild von Avery, ohnmächtig im Krankenwagen. Für einen Augenblick lang hatte sie wirklich geglaubt…
Bei dem Gedanken wurde ihr beinahe schlecht und so wischte sie sich hastig die Finger an der immer noch nassen Jeans ab und rannte in Richtung Averys Zimmer.

Als sie wenige Minuten später wieder ins Bad kam hatte sie warme Klamotten für sie beide dabei und eine Flasche Wasser. Wortlos hielt sie Avery die Flasche hin und sah dabei zu wie er gequält ein paar Schlücke nahm bevor sie ihn das Ding wieder zur Seite stellen liess. Dann half sie ihm aus dem nassen Shirt und in seinen Hoodie hinein. Die Jeans war schwieriger und nachdem er nun auch eine trockene Jogginghose trug, musste er sich erstmal wieder setzen. Eithnes Hand strich im Versuch beruhigend zu wirken über seine Schulter. Sie war noch einen Schritt an ihn heran getreten und zog ihn nun vorsichtig an sich. Bis sein Gesicht an ihrem Oberkörper lag und ihr Gesicht an dem unverletzten Teil seines Kopfes, tief in den braunen Haaren. Hauptsächlich war sie erleichtert und so gab sie sich ein paar Augenblicke des Durchatmen, mit ihm ganz nah bei ihr. Er war noch nicht wieder wirklich warm, aber er fühlte sich schonmal wieder mehr wie ein Mensch an. “Avery? Wenn… wenn es ein Fehler war dich hier her zu bringen anstatt ins Krankenhaus, hm? Dann musst du mir das sagen, okay?” murmelte sie schließlich, ihre Stimme leicht verräterisch erstickt. Sie richtete sich wiederstrebend wieder auf und zog die Kapuze seines Hoodies über die noch immer feuchten Haare ihres Freundes, nahm dann ebenfalls ein paar Schlücke von der Wasserflasche.

Als Eithne ihr Handy klingeln hörte war sie beinahe erleichtert. Hastig drehte sie sich zu ihrer Tasche um, welche ebenfalls mittlerweile Platz im Waschbecken gefunden hatte und etwas verwirrt starrte sie auf den Namen auf dem Display. Marina. Marina Worths. Wer war Marina Wor… “Oh Gott…” entwich es ihr als ihr wieder einfiel wer das war. Davids Freundin!
Als diese ihr damals “für den Notfall” ihre Nummer gegeben hatte, hatte Eithne ein bisschen verwirrt geschaut und Marina hatte nur gemeint, dass man merke, dass sie neu im Metier des “Krankenhausmitarbeiter-Partner” sei. Dass die Tage und Nächte oft lang für die Jungs würden und es manchmal einfacher sei sich gegenseitig zu informieren. Eithne hatte vollkommen vergessen, dass sie ihre Nummer hatte, sonst hätte sie sie schon vor Stunden angerufen. Im Krankenhaus war niemand ran gegangen, kein Wunder ohne Strom. “Marina!” schrie Eithne ihr beinahe entgegen. “Hey, heeyyy! Endlich bin ich durchgekommen. Weißt du wo Avery ist? David ist gerade im Krankenhaus aufgewacht und schiebt eine totale Panik weil Avery nicht bei ihm ist… die haben ihn anscheinend irgendwo aufgelesen aber Avery war nicht da.”
Eithne hatte in der Zwischenzeit ihr Handy auf Lautsprecher gestellt damit auch Avery mithören konnte und ein erleichtertes Lachen entwich der rothaarige Frau, was sicher eigentlich etwas fehl am Platz wirkte. In hastigen Worten erklärte sie der anderen Frau, dass Avery bei ihr sei, dass man ihn wohl übersehen hatte. Im nächsten Moment wurde die Leitung auch schon unterbrochen und Eithne holte tief Luft, setzte sich, egal wie sehr es die Wunde an ihren Oberschenkeln reissen liess, auf ihren nassen Hosenboden neben Avery auf den Badewannenrand. Erleichterung rollte über sie. Aber sie musste sich jetzt einfach mal kurz setzen. Müde und gequält, aber glücklich sah sie sanft lächelnd zu Avery hinüber.
David ging es gut. Avery ging es gut! Sie waren zuhause. Wenn ihr nur nicht mittlerweile so ziemlich ihr ganzer Körper weh tun würde.



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#6
Avery stieß einen flachen, aber langen Seufzer aus, als Eithne den Anruf beendete. David war lebte. Er war in Sicherheit. Es ging ihm gut. Das hoffte er zumindest, aber wenigstens war er im Krankenhaus am besten aufgehoben. Und Marina hatte nicht so geklungen, als stünde es schlecht um ihn. Erleichtert senkte er den Kopf. Sein Kinn berührte fast die Brust. Unter der Haut schlug sein Herz in einem schnellen, aber nicht mehr rasenden Tempo. Das Adrenalin wirkte. Das Zittern wurde weniger und die Wärme würde auch bald wieder in seinen Körper zurückkehren. Seine Hand tastete nach Eithne. Sanft drückte er ihre Schulter und sie tauschten einen kurzen Blick aus. „Du bist an der Reihe.“

Vorsichtig ließ er sich neben sie auf die Knie sinken. „Wir können versuchen deine Hose auszuziehen, aber wenn das nicht geht, schneide ich sie auf, okay?“ Er wartete bis Eithne nickte, dann machten sie sich gemeinsam an die Arbeit. Die Hose durfte ganz bleiben, allerdings war sich Avery nicht sicher, ob sie nicht trotzdem im Müll landen würde. Das viele Blut hatte sich bis zum Bund aufgesogen. Um die Wunde an ihren Beinen untersuchen zu können, griff er nach den Handtüchern im Schrank und breitete sie rasch auf dem Boden aus. So hatte Eithne ein Polster und brauchte nicht bäuchlings auf den kalten Fliesen zu liegen.
„Das sind mehrere Schnitte“, berichtete er leise. „Die meisten sind nicht tief. Aber bei zwei oder drei wird ein Pflaster nicht reichen.“ Erneut begann er in der Tasche zu wühlen, bis er fand, was er suchte. Antiseptikum, Klammerpflaster, Nadel und Faden. Wobei er bei letzterem hoffte es nicht anwenden zu müssen. „Ich muss es sauber machen. Das brennt ein bisschen.“ Ein bisschen war untertrieben, bei der Menge und Tiefe an Schnittwunden, aber er gab sich Mühe Harmlosigkeit auszustrahlen. Behutsam wischte er mit einem feuchten Tuch über ihre Haut, dann träufelte er das Antiseptikum über die Verletzungen. Eithne zuckte zusammen. Ihre Fäuste ballten sich um den Stoff der Handtücher. Avery biss sich auf die Lippen und legte seine Hand auf ihre. „Tut mir leid“, murmelte er betreten. Gott, wie sehr er es hasste, wenn sie leiden musste. „Ist gleich vorbei. Es wird gleich besser.“ Er wartete, bis ihre Atmung nicht mehr ganz so flach und schnell war und sich ihr Körper etwas entspannte. „Weißt du noch, wie wir damals hier eingezogen sind?“, fragte er. „Wie du mich mit meinem Zimmer überrascht hast?“ Es raschelte leise, als er das sterile Klammerpflaster aus der Verpackung zog. „Jimmy meinte irgendwann mal, dass er dich zukünftig für alle Renovierungen engagieren wird, wenn er neue Häuser kauft. Da habe ich ihm gedroht seine Gitarre zu überfahren, wenn er das macht. Er würde dich nur noch in Beschlag nehmen.“ Unterschwellig hörte man den empörten Groll in seiner Stimme. Er redete weiter, während seine Finger Wundsalbe auf die Verletzungen auftrugen und er anschließend rasch und geschickt die Pflaster an die richtigen Stellen anbrachte. Anschließend begann er einen Druckverband um Eithnes Beine zu wickeln.

„Okay“, murmelte er nachdem er fertig war. „Du kannst dich wieder aufsetzen.“ Vorsichtig half er Eithne sich umzudrehen und mit dem Rücken gegen den Rand der Badewanne zu lehnen. „Wie geht’s dir sonst? Schwindelig? Kalt? Übelkeit?“ Jeglichen Protest außer Acht ignorierend, weil sie ja angeblich in einem besseren Zustand war als er, ging er nun wiederum in sein Zimmer und kehrte mit seinem wärmsten, dicksten Pullover zurück. Alles kostete ihn Kraft, dennoch brachte er sein schiefes Lächeln zustande. „Das schaffen wir auch noch...“
Kurze Zeit später saßen sie nebeneinander auf dem Boden des Badezimmers. Mit dem Rücken gegen die Fliesen der Badewanne, der zusammengeknüllte Haufen an nassen und verschmutzen Klamotten vor ihnen. Avery legte seinen Arm um Eithnes Schulter und zog sie sanft zu sich, bis ihr Kopf an seiner Schulter ruhte. Ihre Locken waren noch feucht. Das Wasser versickerte im dicken Stoff seines Shirts. Avery schloss die Augen und konzentrierte sich auf Eithnes Atmung dicht an seinem Körper. Sie war bei ihm. Er konnte sie festhalten. Das war wichtig. Draußen tobte noch immer der Sturm. Er riss an den verbarrikadierten Fensterläden, pfiff entrüstet durch jede Ritze und ließ lose Gegenstände gegen die Hauswand prallen. Aber sie waren hier drin. In Sicherheit. Noch nie hatte er sich so glücklich und erleichtert gefühlt.
„Woher wusstest du, dass wir in Schwierigkeiten waren?“, fragte er müde. Seine Lippen berührten ihr Haar während dem Sprechen. Er hatte keinen Notruf absetzen können. Zumindest erinnerte er sich nicht daran... „Ich weiß noch, dass wir zu einem Einsatz gerufen wurden... Aber der Weg war versperrt. Und dann war da plötzlich diese Palme...“ Er verstummte für einen Moment. Fast konnte er erneut das Schwanken des Krankenwagens spüren. Das schrille Kreischen und Krachen als das Dach des Rettungswagens zertrümmert wurde. Avery wandte den Kopf und sah sie an. Seine Augen funkelten dunkel. „Danke.“ Er flüsterte, weil er seiner Stimme nicht ganz traute. „Dieses Mal hast du mich gerettet. Ich würde sagen, wir sind quitt.“



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#7
Der Schnitt in ihrem Nacken blutete nicht mehr. Eithne hätte ihn beinahe vergessen, hätte es nicht ziemlich gezogen als sie ihre immer noch nassen Haare aus der Wunde zog ohne groß darüber nachzudenken. Ein paar Pflaster und damit war es getan, doch es war nur Zeitschindung bevor die Hose ausgezogen werden musste. Versuchsweise tapfer biss sich Eithne auf die Unterlippe um keinen Mucks von sich zu geben. Denn jedes Mal wenn das geschah wurden Averys Augen immer größer während er vor ihr hockte und das wollte sie ihm ersparen. Sie war schließlich dankbar für die Handtücher die er ausbreitete, aber nun wo sie sich ein wenig beruhigt hatte und nicht mehr bewegte, wurde ihr trotzdem rasch unglaublich kalt. Wie Avery sich fühlen musste konnte Eithne sich gar nicht richtig ausmalen. Die Hauptsache war jedoch, dass sie das Alles schnell hinter sich bringen wollte. Trotzdem zuckte der Schmerz wie ein Blitz durch ihren Körper als er ihre Wunden desinfizierte, beinahe hätte sich Eithne auf die Zunge gebissen. Schließlich stützte sie ihre Ellenbogen auf den Boden unter sich und fuhr sich mit den Händen über Gesicht und durch die Haare, als könnte das ihren Körper ablenken. Es klappte tatsächlich als sich ihre Fingernägel tief in ihre Kopfhaut bohrten, doch dann war es Averys Stimme die sie davon abhielt und sie versuchte sich einfach auf seine Stimme zu konzentrieren.

Ganz klar sah sie den Moment vor sich. Als Avery mit geschlossenen Augen vor ihr stand und der Geruch von frischer Farbe in ihrer Erinnerung verdrängte den Schmerz aus ihrem Kopf. Sie wusste noch genau wie einnehmend das Gefühl gewesen war welches sie in jenem Moment gefühlt hatte... voller Hoffnung und Angst und Nervosität. Der Anflug eines Lächelns bildete sich auf Eithnes Lippen. Denn die Erinnerung war mittlerweile bittersüß getränkt, sie wusste doch, dass sie soweit gut ausgehen würde. "Ich glaube..." begann Eithne schließlich mit etwas gequälter Stimme "wenn Jimmy jetzt sehen würde was ich mit seinem Loft gemacht habe würde er sich das nochmal ganz schnell anders überlegen." Sie blinzelte leicht weil auch das Anbringen der Klammerpflaster alles andere als angenehm war. "Stellt sich heraus, dass ein Haus aus Beton vor einem Sturm zu sichern natürlich irgendwie ziemlich einfach ist - im Gegensatz zu einem aus Holz." War das wirklich so interessant? Nein, aber es lenkte sie ab. "Aber die Fenster... ich wollte alles zunageln, nur wie macht man das wenn man es nicht von Außen machen kann? Mal ganz abgesehen davon... dass die Wände eben auch nicht einfach benagelt werden können." Sie stockte und lachte dann leise. "Ich hab die Fensterrahmen ruiniert. Alle. Avery, alle im ganzen Haus. Zwei Kästchen Nägel hab ich da rein gehauen um die Planken dran zu hämmern. Jimmy bringt mich um." Erneutes Lachen.

Dankbar und wohlig lächelnd nahm Eithne den Pulli entgegen und gemeinsam schafften sie es nicht weiter als wieder an die Badewanne. Sie hätte aufstehen sollen um sich eine Hose zu besorgen. Sie hätte Avery einen Tee machen sollen. Eine Wärmflasche und sie musste schauen, dass sie allen seinen besorgten Verwandten schrieb die sie seit Stunden schon alarmiert fragten ob er okay war... und die sie nicht hatte beunruhigen wollen. Aber für den Moment liess sie das alles sein, sorgte sich nicht weiter, sonder lehnte sich an Averys Schulter nachdem er sie zu sich gezogen hatte. Sein Herz klopfte. Ganz normal, soweit sie das beurteilen konnte und Eithne schloss ihre Augen um die Tränen zurück zu halten. Wieder flackerte das Bild vor ihrem inneren Auge auf. Wie er da gelegen hatte, aber nein, sie würde es nicht weiter mit sich rumtragen. Er war da, mit jedem Herzschlag ein erneuter Beweis dafür. Eithne wollte ihre Beine an ihren Körper ziehen, aber ein Brennen erinnerte sie daran, dass das erstmal nicht gehen würde. So schlang sie stattdessen ihre Arme um Averys angewinkeltes Knie und sah zu ihm auf als er begann zu sprechen. Doch als sie gerade auf seine Frage antworten wollte, brachte er sie mit einem einzigen Blick zum verstummen.

Es war nicht das Danke welches sie dazu brachte ihn einfach immer weiter anzusehen. Es war sein Blick. Eithne hatte bis jetzt geglaubt, dass sie mittlerweile jedes Fleckchen seiner Haut kannte, jede Regung bekannt war und doch war das hier neu. Sie konnte es nicht genau deuten, aber es hielt sie gefangen. „Dieses Mal hast du mich gerettet. Ich würde sagen, wir sind quitt.“ Eithne blinzelte leicht und begann dann einfach zu nicken. Einen Moment lang sah sie ihn noch an. Dann kamen die Worte nur ganz leise und wackelig über ihre Lippen. "Irma kann dich nicht haben. Ich brauche dich noch." Vielleicht etwas unpassend. Aber doch auch alles sagend. Ihre Nase drückte sich für einen Moment an seinen Hals und sie schloss erneut die Augen. Eine Weile sassen sie noch so da. Dann bemerkte Eithne wie kalt Averys Haut immer noch war und wie die Kälte von ihren Beinen auch immer mehr ihren Körper hoch kroch. "Na komm. Bis aufs Sofa schaffen wir es jetzt auch noch."

Jede Bewegung war langsam, von ihnen beiden. Ob es am meisten am Schmerz oder der Kälte oder der Müdigkeit lag war schwer zu sagen. Eithne versuchte davon abzulenken indem sie Avery berichtete wie seine eigene Ortungsappidee ihn wohl gerettet hatte. Als Eithne Avery so drehte, dass er sich quer auf die Couch legen konnte, war er wohl nicht mehr groß in der Lage sich zu wehren. Sofort war er in eine Decke eingewickelt und Eithne liess einen tiefen Seufzer von sich. Ihre Lippen formten ein breites Lächeln. Es war okay. Er war okay. "So. Du darfst auch gleich ins Bett. Aber vorher trinkst du hier die Flasche Wasser leer, ja? Und ich gehe nochmal alle Fenster kontrollieren. Geh du mal im Kopf durch ob du wirklich...alles an dir kontrolliert hast was du sonst in dem Fall machen würdest. Wenn du morgen früh nicht mehr aufwachst weil... du eine Gehirnblutung hast oder...eine Blinddarmentzündung... verbrenne ich alle deine Comics!" Ihre Worte waren in einem Lachen untergegangen. Hauptsächlich weil sie sich fragte woher Avery auf einmal eine Blinddarmentzündung haben sollte. Immer noch lächelnd setzte sie sich kurz neben ihn und drückte ihm dann langsam einen kleinen Kuss auf die mittlerweile nicht mehr so blauen Lippen, stand dann wieder auf um sich endlich eine Hose und ein paar Socken anzuziehen.

Soweit hatte die WG alles ganz gut überstanden. Das dicke Glas in den Fenstern der Schlafzimmer war zwar nicht immer sonderlich ansehnlich, aber es brauchte anscheinend mehr als einen Sturm um es aus den Fugen zu bringen. Was nicht so gut überlebt hatte war die Tür zur Dachterasse. Bestürzt stellte Eithne fest, dass es die Doppeltüre einfach aus der Verankerung gerissen hatte und diese flatterte nun offen im Wind, eine Seite hatte ihr Glas verloren. Kein Wunder, dass es so kalt hier war. Nachdenklich schaffte es Eithne mit einem Brecheisen zwei Bretter wieder von innen zu entfernen. Das gab ihr genug Raum um die Tür wieder halbwegs zu schließen und zwei Balken von Außen quer über die Türe zu hämmern. Sah sicherlich etwas seltsam aus wie sie da mit dem Kopf und Oberkörper in der Tür steckte, aber darüber dachte sie gerade so gar nicht nach. Der Wind, der Regen, der Lärmpegel. Alles war noch viel schlimmer geworden und so war sie heilfroh als das auch geschafft war. Schnell wieder Bretter vor das Ding genagelt und dann kam sie sich wieder sicher vor. Ab und an warf sie einen Blick zu Avery rüber. "Schön sitzen bleiben!" sagte sie, einen Nagel zwischen den Lippen als sie auf die kleine Trittleiter gestiegen war. Wow, irgendwie merkte Eithne selber manchmal wie sehr sie sich im letzten halben Jahr verändert hatte.

Zum Ende hin hatte Eithne noch so ziemlich jeden Teppich, jedes dreckige Handtuch, alles was im Waschraum so rumlag an Wäsche, vor die Tür geschoben, hauptsache das Wasser, welches wohl oder übel zwischen den Brettern reinkommen würde, würde über Nacht nicht wild hier rum fliessen. Morgen mussten sie sich etwas überlegen, aber eben auch wirklich erst morgen.
Als die Rothaarige wieder am Sofa ankam war Avery zu Eithnes Erleichterung weder ohnmächtig geworden, noch hatte er sich übergeben. "Okay, was meinst du... sollen wir zumindest versuchen jetzt ein bisschen zu schlafen?" Langsam aber sicher wurde es dunkel und sie hatten keinen Strom mehr, nur Kerzen. Das beste was sie tun konnten war sich einfach zu verkriechen. Und so unruhig sie das Wetter und sein Zustand machten... gerade konnte sich Eithne nichts besseres als Schlaf vorstellen.



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#8
Allmählich ließ der Schmerz in einem Kopf nach. Die Wärme kehrte in seine Glieder zurück und der Herzschlag schlug wieder in normalem Tempo. Die weiche Decke, in die Eithne ihn gepackt hatte, tat ihr übriges um die Kälte zu vertreiben und die Wirkung des Adrenalin hatte eingesetzt. Obwohl er unendlich müde war, wollte keine Ruhe in sein Inneres einkehren. Als hätte sich der Sturm, der vor der Tür tobte, in sein Herz eingenistet.
Wachsam beobachtete er Eithne bei ihren Bemühungen die Tür zur Dachterrasse erneut zu sichern und war schon viermal drauf und dran gewesen ihr dabei zu helfen. Er ließ es aber doch bleiben, weil er ahnte, dass a) sie sich mit um seine Gesundheit sorgen würde und b) er ihr vermutlich sowieso keine Hilfe gewesen wäre. Am Ende landete der Nagel in seinem Daumen oder ein Stein auf seinem Kopf... Trotzdem fiel es ihm schwer die Füße ruhig zu halten. Außerdem kribbelte es unter seiner Haut schrecklich, weil nach der Kälte die Blutzirkulation wieder besser funktionierte. Immer wieder musste er sich kratzen oder die Hände abwechselnd zu Fäusten ballen und wieder öffnen.

„Komm her“, sagte er nur, als Eithne endlich mit ihrem Vorhaben fertig war. Im Gegensatz zu ihr konnte er sich Schlaf nicht vorstellen. Viel zu aufgekratzt war sein Verstand und die Sorge, dass etwas passieren könnte, oder dass er gebraucht wurde, saß ihm im Nacken. Berufskrankheit. Avery setzte sich auf, nahm die Decke so, dass er sie auch um Eithnes Körper schlingen konnte und wickelte sie darin ein. „Ich glaube nicht, dass sich Jimmy an den Fensterrahmen stören würde. Immerhin sah das ganze Loft viel schlimmer aus, bevor wir eingezogen sind. Wir haben schon eine große Menge an Arbeit geleistet.“ Damit hatte er Recht, denn – obwohl er das niemals gedacht hätte – hatten sie es geschafft einen Boden neu zu verlegen, die Wände frisch zu tapezieren, zu streichen und sogar die eine der andere Stromleitung neu zu legen. Was waren da schon ein paar Fensterrahmen? „Und außerdem“, er hob den Finger und seine Mundwinkel zuckten amüsiert, „sind ihm ein paar Löcher in den Fensterrahmen bestimmt lieber als zerbrochene Scheiben und eine Überschwemmung in allen Zimmern. Wenn alles vorbei ist, besorgen wir neue Rahmen“, murmelte er und zog sie eng an sich. Die roten Locken kitzelten ihn am Hals und er genoss das Gefühl sie so nahe bei sich zu haben. Sie festhalten zu können. Die Ruhe, die sich über ihn legte, wenn sie bei ihm war. Als krieche ihr Geist unter seine Haut und umarme seine Seele. Wie knapp war es heute gewesen? Eigentlich sollte er nicht daran denken, doch die Frage ließ ihn nicht los. Sie hatte sich in seinen Kopf gekrallt, wie ein Tier, das seine Klauen in die Beute versenkte. Der Unfall hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Ende bedeutet. Der Pegel des Wasserstandes hatte noch lange nicht den Höchststand erreicht, ganz zu schweigen von dem Sturm, der immer das Risiko umherfliegender Gegenstände barg. Deutlich hörte er das dumpfe Heulen außerhalb des Lofts, das Krachen, wenn etwas gegen die Wände schlug, immer begleitet von dem beständigen Grollen, das die aufgehetzten Wellen des Meeres verursachten. Um ein Haar wäre er nie wieder auf dieser Couch gegessen. So knapp...

Eithne hatte sich an ihn geschmiegt, ihre Hände hatten sich um seinen linken Arm geschlungen. Es wirkte fast so, als trage sie in diesem Moment genau dieselben Gedanken in sich, wie er. Als wolle sie ihn deshalb festhalten. In seiner Brust schmerzte es plötzlich so sehr, dass es fast nicht auszuhalten war. Avery legte seine rechte Hand auf ihre. Sanft fuhr sein Daumen über die weiche Haut und er lauschte ihren Atemzügen. „Es tut mir leid“, sagte er leise. „Vielleicht bin ich zu egoistisch. Mit meiner Arbeit und allem...“ Er machte eine vage Handbewegung, die unter der Decke allerdings kaum sichtbar war. Wie oft stellte er seinen Job über die eigenen Bedürfnisse? Und wie oft musste dann auch Eithne darunter leiden? All die Hektik, die Überstunden, die unterschiedlichen Schichten... Ein leises, aber tiefes Seufzen drang aus Averys Brust. Er neigte den Kopf noch ein wenig mehr und gab Eithne einen Kuss auf die Schläfe. „Ich glaube, ich sollte mal Urlaub machen“, meinte er und wurde sich seiner Worte erst bewusst, als er sie ausgesprochen hatte. Urlaub. Das letzte Mal hatte er Urlaub genommen, als Lily sich ein Bein gebrochen hatte und mitten in der Prüfungsphase steckte. Da hatte er ihr die Einkäufe erledigt, war für sie zur Uni gefahren und hatte ihr Bücher aus der Bücherei angeschleppt. Ganz zu Schweigen von den Unmengen an indischen Takeaways, auf die sie so stand, während ihr Kopf rauchte. Ja. Urlaub war gar keine schlechte Idee.

„Na schön.“ Schwerfällig erhob sich Avery von der Couch und hielt Eithne seine Hand hin. „Gehen wir ins Bett. Du schläfst doch schon fast auf dem Sofa ein.“ Sie ließ sich von ihm hochziehen und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in sein Zimmer. Er half ihr sich hinzulegen, da sie sichtlich noch Schmerzen in den Beinen hatte. Morgen, wenn die Wunden angefangen hatten zu heilen und die Haut spannte, würde es noch schlimmer sein. Avery zog rasch die Decke über ihren Körper und gab ihr einen Kuss auf das Haar. So sah sie nicht sofort, wie sehr er mit sich rang. Ihre Schmerzen waren seine Schuld. Sie war seinetwegen gekommen. Und auch, wenn er unendlich froh war, dass sie sich auf die Suche nach ihm gemacht hatte, fühlte er sich entsetzlich schuldig an ihren Verletzungen.
Rasch sank er neben ihr auf die Matratze, schob sich unter die Decke und sofort kuschelte sie sich an ihn. „Schlaf gut, mein Schmetterling“, murmelte er träge und schlang den Arm fest um sie. Plötzlich übermannte ihn die Müdigkeit doch. Von einer auf die andere Sekunde fühlten sich seine Glieder bleischwer an und die Lider schienen nicht mehr reagieren zu wollen. „Ich habe so ein Glück“nuschelte er gegen ihre Wange.. „Weil die eine Person, die mir nicht aus dem Kopf geht, die Person, die mir mehr bedeutet, als ich es ertragen kann, am Leben ist. Sie ist da. Und das bist du.“

Stunden später – oder waren es nur ein paar Minuten? – blinzelte Avery gegen die Dunkelheit. Er fühlte sich vollkommen zerschlagen und erschöpfter als je zuvor. Etwas hatte ihn aus dem Schlaf geweckt. Er war sich sicher. Seine Hand tastete nach Eithne. Sie lag mit dem Kopf auf seiner Schulter, einen Arm um seinen Oberkörper geschlungen. Ihre Atemzüge waren ruhig und gleichmäßig. Also war nicht sie die Ursache. Angestrengt lauschte er in die Dunkelheit. Eine Weile tat sich nichts, sodass er die Augen schon wieder schließen wollte. Doch dann hörte er es wieder. Ein helles Geräusch. Wie ein Wimmern. Dann kratzte etwas leise in der Ferne. Vorsichtig schob er Eithnes Arm auf die Seite, doch sie blinzelte bereits neben ihm. „Hörst du das?“ Avery richtete sich auf und lauschte wieder konzentriert in das Loft. Das Rauschen des Sturmes erscholl immer noch vor den Fenstern, schrill heulte der Wind durch die feinen Ritzen der vernagelten Bretter an den Fenstern. Und dann vernahm er wieder das hohe Wimmern. „Da ist was.“ Der Sanitäter in seinem Inneren war schon hellwach. „Ich gehe rasch nachschauen.“



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life - sweet like cinnamon

24 Jahre

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created by Nanna


#9
Als sie nebeneinander und unter der Decke auf dem Sofa saßen fiel es schwer sich vorstellen zu können, dass der Sturm da draußen so gefährlich war wie sie es eben erlebt hatten. Das Getöse war laut ja, aber zusammen mit dem Regen so allumfassend, dass Eithne die bösen Gedanken endlich soweit verscheuchen konnte. Vielleicht war sie aber auch einfach nur müde. Tatsächlich lullte die Wärme sie bald ein und ihre Augenlider wurden schwer. Ihre Hände um Averys Arm geschlungen, ging ihre Stirn bald gen seiner Schulter ohne, dass sie es wirklich merkte. Kein Wunder, dass seine plötzliche Entschuldigung sie ein wenig hochschrecken ließ. Verwirrt zog sie die Augenbrauen ein wenig hoch und sah zu ihm herüber. Egoistisch? Ungläubig öffnete sie den Mund leicht. Vielleicht hatte sein Kopf mehr abbekommen als gedacht. Avery war derjenige der da draußen Leben rettete... und da war es einmal jemand anders der ihm in einer Notsituation half und das machte ihn egoistisch? Eithne wollte sich beschweren, wirklich. Es gab so viele Menschen auf der Welt die so etwas sagten um Komplimente zu bekommen wie toll sie waren, aber sie wusste, dass er nicht einer davon war. Er glaubte das wirklich und das fand Eithne einfach nur schrecklich. Wenn die wirklich guten Menschen auf dieser Welt sich dessen nicht mal bewusst waren... das war unfair. Während er seufzte beugte sich Eithne zu ihm herüber und schüttelte den Kopf, ihre Nasenspitze leicht seine Wange berührend. "Urlaub wäre schön, ja." sagte sie schließlich nur. Kein Vortrag darüber, dass er sein Licht nicht verstecken sollte. Dass er wissen musste wie toll er war und, dass sie seinen Urlaub dann aber nicht mit Umbauten oder Comics lesen, sondern mitreisen, verbringen mussten. Gerade ließ sie einfach nur für ein paar Momente ihre Gedanken herumfliegen. Urlaub wäre wirklich schön.

War Averys Bett schon immer so weich und groß und überaus einladend gewesen? Eithne entwich ein wohliger Seufzer als die Luft ihren Körper verließ als sie sich hinlegte. Ihr war nicht mehr kalt. Selbst Averys Haut - wenn auch weit kühler als ihre eigene - schien wieder in Ordnung zu sein als er zu ihr kroch. "Schlaf gut, mein Schmetterling" Eithne lächelte. Das hatte sie schon ein paar Mal von ihm gehört und sie wusste nicht genau woher es kam. Aber so kitschig es vielleicht war, es gefiel ihr irgendwo. Es war schön von jemandem so gesehen zu werden. Eithnes Augen schlossen sich bereits wieder als die Vibration seiner Stimme auf ihrer Wange sie wieder etwas wacher werden ließ. Er war sich dessen gar nicht mehr bewusst, das merkte sie, aber es kitzelte und Eni lief eine kleine Schauer den Rücken hinunter, ihre Mundwinkel hoben sich sofort. Bei seinen Worten selber hätte sie am liebsten gleich nochmal geseufzt und Eithnes Augen öffneten sich wieder. Alle Ängste die sie bis eben noch fest im Griff gehabt hatten waren auf einmal wie weggewischt. Alles was sie nicht mal versuchen konnte in Worte zu fassen... ihm gelang dies sogar noch im Halbschlaf. Aber, dass Avery es mit Worten besser konnte wussten sie ja schon lange.
Langsam fiel der Schlaf über seinen Körper, auch wenn nur zwei Teelichter auf dem Schreibtisch den Raum erhellten, Eithne konnte es deutlich sehen. Und auch ihre Augen fielen immer wieder zu, aber sie kämpfte dagegen an. Wollte noch ein bisschen länger das Gefühl der vollkommenen Glückseligkeit nicht loslassen, wollte noch ein paar Mal spüren wie sein Herz schlug und sein Atem ging. Aber lange schaffte sie es nicht, dann war da nur noch schwarze Leere.

Und sie tauchte mit einem Schlag wieder aus ihr auf als Avery neben ihr sich aufrichtete. Sofort hämmerte ihr Herz, dabei konnte sie sich bereits jetzt nicht mehr an ihren Traum erinnern und sie hörte erstmal nichts, außer Averys aufgeregte Stimme. Als er bereits aus dem Bett gestiegen war saß sie gerade mal auf. Doch wenig später torkelte sie ihm schon eilig hinterher, noch halb am schlafen und erst als sie ebenfalls ein Geräusch hörte war sie auf einmal vollkommen wach. Wie aus Reflex griff sie mit beiden Händen nach Averys Arm um ihn festzuhalten, sie blieben zusammen in der Tür stehen. Noch war ihr Kopf nicht wirklich am arbeiten, sie wusste gar nicht warum, aber als er sich fragend zu ihr umdrehte stand blanke Panik in ihren Augen. Sie hatte Angst und zwar um ihn. Ein paar Sekunden lang starrten sie sich einfach nur an, mit jeder die verstrich wurde Eithnes Sicht klarer, ihr Kopf auch. Sie entspannte sich langsam und dann hörte sie es auch. Ein Jaulen.
Jetzt wo die Türe offen war, war es viel besser zu erkennen und dann Kratzen, es kam eindeutig von vor der Wohnungstür. Eithnes Mund öffnete sich langsam und ihre Augenbrauen hoben sich als die Erkenntnis kam. Hastig griff sie nach der Taschenlampe auf dem Regal neben der Tür und war nun - gegensätzlich zu ihrer vorherigen Vorsichtigkeit - diejenige die die Tür zum Treppenhaus öffnete.

Einen Augenblick lang suchte der Kegel der Taschenlampe den Boden vor ihnen ab und dann sah sie ihn. Ein Knäuel aus weißem, braunem und schwarzem Fell kauerte in der Ecke zwischen Türe und Wand und begann furchtbar zu winseln sobald das Licht es erreichte. Der Hund war vollkommen durchnässt und zitterte. Sichtlich erschöpft und unter großen Anstrengungen richtete er sich auf und blieb unterwürfig zwischen ihnen stehen, drückte sich an Averys Jogginghose. Eithnes Mundwinkel zitterten bei dem Anblick, er schien so unglaubliche Angst zu haben und doch wusste er wohl, dass sie seine einzige Rettung waren. "Hallo..." entwich es Eithne mit leiser Stimme als sie sich unter Schmerzen neben ihn hockte und eine Hand zum schnuppern hinhielt. Das war vielleicht nicht so klug, immerhin kannte sie den Hund gar nicht, aber er hob den Kopf gar nicht, blieb einfach nur zittern zwischen ihnen stehen. "Hey...du blutest ja auch." sagte Eithne erschrocken als sie hinter ihm im Licht sah, dass da Blut auf den Treppenstufen waren.

Wie zur Hölle war er hierhergekommen? Hatte das Wasser das Rolltor hochgespült oder war er mit ihnen hereingekommen? Wie lange saß er schon hier? Kurzentschlossen drückte Eithne die Taschenlampe in Averys Hand und schlang dann beide Arme um den nassen Hundekörper. "Hol mal deine Tasche." sagte sie nur knapp und schritt dann zum Sofa hinüber wo noch ihre Decke von eben lag, stolperte dabei fast und wickelte den Hund schließlich in der Decke ein. Es hörte sich beinahe so an als würde der Kleine weinen und Eithne war auch wieder danach. Irgendwo wusste sie, dass das nicht an dem Hund lag. Aber sie ignorierte die dummen Tränen die ihre Wangen runterkullerten als sie Avery am Küchentisch wiedertraf und hoffte, dass er es auch tun würde. Genervt wischte sie sich über die Wangen nachdem sie ihren nächsten Patienten vor sich auf dem Tisch kauern hatten. Hoffnungsvoll sah die Rothaarige zu ihrem Freund hinüber. Der war zugegeben kein Veterinär... aber er hatte mehr Ahnung als sie. Außerdem begann der Hund gerade Averys Fingerspitzen abzulecken, ein gutes Zeichen, oder? Ein zaghaftes Lächeln bildete sich auf Eithnes Lippen. "Siehst du... du bist nicht egoistisch. Im Gegenteil. Ich hätte ihn glaube ich nicht gehört."

Recht war es dem Hund nicht gerade als Avery ihn untersuchte, aber er war auch zu erschöpft um sich groß zu wehren und außer einer Schürfwunde schien er auch okay zu sein. Eithne hatte sich mittlerweile auf einen der Stühle gesetzt, das Kinn auf ihrem Arm, welcher auf der Tischplatte lag, sodass sie ganz nah bei dem armen Ding war. Ihre Hand glitt langsam über das Fell zwischen seinen Ohren. Irgendetwas sagte ihr, dass diese verdammte Nacht noch lange nicht zuende war.



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Lord of Painkiller

26 Jahre

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created by Steffi


#10
Zwei Hände griffen hastig nach seinem Arm und er hielt inne. Eithne stand mit weit aufgerissenen Augen hinter ihm und er spürte beinahe körperlich das klopfende Herz in ihrer Brust. Sanft entwand er sich ihrem Griff, allerdings nur, um seine Hand in ihre zu schieben und sie beruhigend zu drücken. „Ich habe etwas gehört“, wiederholte er, obwohl sie das längst wissen musste. Aber die Ereignisse des Tages machten ihr sichtlich noch zu schaffen und er ahnte, dass es einige Zeit dauerte, bis ihr Gehirn das Signal erkannte, dass hier keine Gefahr lauerte. Zumindest vermutlich nicht. Das Wimmern klang nicht unbedingt nach einem Einbrecher, der leerstehende Häuser während eines tobenden Hurrikans plündern wollte. Eithne begriff und er spürte, wie sich die Anspannung in ihrem Inneren etwas löste.
Das Jaulen holte sie beide aus der Erstarrung. Avery zuckte mit den Schultern, als Antwort auf ihre Mimik und deutete mit dem Kopf zur Tür. Eine stille Unterhaltung, in der beide einander sofort verstanden. Während Eithne die Hand nach dem Türgriff ausstreckte, griff Avery nach dem Baseballschläger, der neben dem Eingang lehnte. Sicher war sicher. Doch sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Hier wartete kein Plünderer, sondern jemand, der ihre Hilfe suchte. Ein Hund!

Langes Fell, das ihm nass und strähnig am Körper klebte, umgab das Tier, das wie ein kleines, verknotetes Bündel auf dem Absatz der Treppe kauerte. Er gab ein jämmerliches Geräusch von sich, eine Mischung aus Winseln und Fiepen und Avery spürte, wie eine Welle des Mitleids über ihn hinweg rollte. Der Hund kroch aus seiner dunklen Ecke und suchte nach der nächsten Wärmequelle – die sich prompt als Averys Bein herausstellte. Das Zittern, das seinen kleinen Körper unablässig durchlief, übertrug sich augenblicklich auf ihn selbst. Mit angehaltenem Atem beobachtete Avery, wie Eithne sich zu dem kleinen Kerl hinunterbeugte und ihm seine Hand entgegenstreckte. Er kannte sich mit Hunden nicht sonderlich gut aus. Genau genommen, kannte er sich allgemein mit Tieren nicht gut aus. Lily behauptete auch immer, bei ihm würden nicht einmal Plastikblumen überleben. Dabei stimmte das gar nicht. Sein Tamagochi-Vieh hatte drei Jahre überstanden. Aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass der Hund keine Gefahr darstellte. Trotzdem machte er sich Sorgen um Eithne. Ein Gefühl, das er wohl nie wieder würde ablegen können. Der Wunsch sie zu beschützen, sie glücklich zu machen, so wie sie ihn glücklich machte. Ihre Worte holten ihn aus seinen Gedanken. „Was?“, entfuhr es ihm und der Hund zuckte unter ihm zusammen. „Oh, tut mir leid...“ Hastig stellte Avery den Baseballschläger auf die Seite und ging ebenfalls neben Eithne in die Hocke. Sie hatte Recht. Der Hund hatte Blut auf den Treppenstufen hinterlassen. Es war frisch und glänzte neben den trockenen Flecken, die ihre eigenen Spuren von vor ein paar Stunden hinterlassen hatten.

„Ich soll - Hä?“ Plötzlich hielt er die Taschenlampe in der Hand und Eithne hatte den kleinen Hund auf die Arme genommen. Dass sie plötzlich die Initiative ergriff, beeindruckte ihn und machte ihn gleichzeitig für einen Moment sprachlos. Gerade eben hatte sie noch angstvoll neben ihm gestanden und im nächsten Augenblick zählte nur noch Nächstenliebe. Stolz und Liebe erfüllten seine Brust und er grinste breit. „Aye, Ma'am!“ So rasch er mit einen müden Gliedern laufen konnte, eilte er ins Badezimmer, griff nach der Tasche, die immer noch mittendrin auf dem Boden lag und folgte ihr dann in die Küche. Auf dem Küchentisch platzierten sie den Hund, denn dort war das Licht besser als in den anderen Räumen. Immer wieder gab das Tier klägliche Laute von sich und Avery fühlte sein Herz erweichen. Hoffentlich war der kleine Kerl nicht zu schlimm verletzt. Auf Eithne Wangen glitzerten Tränen. Und er war für einen Augenblick hin- und hergerissen, wen er zuerst trösten sollte. Aber der Verstand siegte und er begann in der Tasche zu wühlen. „Er muss leider wieder aus den Decken raus, Süße“, wies er sie leise an und deutete mit dem Kinn auf das Fellbündel vor sich. „Ich muss schauen, wo er überall verletzt ist.“ Und wie schwer. Aber den Teil dachte er sich bloß. Er wollte nichts heraufbeschwören. „Und ich brauche Licht. Ich glaube, unter der Spüle dürften noch ein paar Kerzen stehen.“
Vorsichtig hielt er dem Hund seine Finger hin, damit er seinen Geruch kennenlernen konnte. Vielleicht spürte er dadurch, dass Avery kein schlechter Mensch war. Dass er ihm, obwohl die Untersuchung vielleicht schmerzhaft sein könnte, er ihm helfen wollte. Ob er es wirklich konnte, stand auf einem anderen Blatt. Avery kannte sich mit der menschlichen Anatomie aus, mit der menschlichen Reaktion auf gewisse Medikamente und wusste, wie viel Blut ein menschlicher Körper verlieren konnte, ohne, dass es kritisch wurde. Aber wie sah das bei Hunden aus?
„Hey du kleiner Kerl“, flüsterte er leise. Möglicherweise war es auch eine Sie. Aber der kleine Hund wirkte so tapfer, das war bestimmt ein Er. Die kleine, rosafarbene Zunge wurde sichtbar und leckte rau über seine Fingerspitzen. Eithne beugte sich neben ihm herab und der nasse Hundegeruch wurde ein wenig von ihrem Duft überlagert. Er wandte den Kopf in ihre Richtung und lächelte verlegen. Unbewusst machte sie ihm mit ihren Worten Mut und er war unendlich dankbar dafür. Die Angst, dass er dem Hund nicht würde helfen können, grub sich bereits tief in sein Herz ein und nur Eithne gelang es ihm Hoffnung zu geben.

Die Untersuchung dauerte eine Weile, da zum einen der Hund immer wieder zuckte, wenn Avery zu nahe an eine verletzte Stelle kam oder das lange, zottelige Fell die Sicht erschwerte. Unmengen an Jod verschwanden unter den hübschen, braun-schwarz-weißen Haaren und der Berg an Tupfern und sterilen Tüchern auf dem Boden hinter Avery wuchs. Das meiste waren glücklicherweise nur Schürfwunden. Die größte Verletzung war eine herausgerissene Kralle, aus der das meiste Blut strömte. Avery säuberte die Stelle, versuchte dabei das herzzerreißende Winseln zu ignorieren und band einen festen Verband darum, den der Hund hoffentlich nicht gleich in der ersten Nacht durchbiss. Müde und ausgelaugt sank er am Ende neben Eithne auf einen der Stühle und stieß einen schweren Seufzer aus. „Okay... Ich glaube, das war alles.“ Die dunklen Knopfaugen des Hundes wirkten so erschöpft, wie er sich fühlte. Reglos lag das Bündel auf dem Küchentisch, ab und an, kam seine rosa Zunge zum Vorschein und leckte Eithne über das Handgelenk. „Schlaf und Erholung ist das Einzige, was jetzt noch fehlt.“ Unklar, ob er den Hund oder sie beide meinte. Er beugte sich vor und kraulte das Tier sanft hinter den Ohren. „Tapferes Mädchen.“ Während der Untersuchung hatte er das Geschlecht erkennen können. Nix mit schlauen Kerl. Mist. „Sie braucht einen Ort, an dem sie es warm hat.“ Mit unschuldigem Blick sah er Eithne an. Es gab nur einen einzigen Ort in diesem Loft, der im Moment warm, kuschelig und weich war. „Und allein will sie bestimmt auch nicht sein. Was meinst du? Sie ist doch so klein...“



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